Aufräum-Guru zeigt’s uns allen: Marie Kondo bringt die Welt wieder in Ordnung – Tas

Aufräum-Guru zeigt’s uns allen: Marie Kondo bringt die Welt wieder in Ordnung

von Esther Hetzert am 26. April 2016
Foto: pixabay/Hans

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Ich gebe zu, am Anfang war ich gar nicht mal so un-begeistert. Die Idee, mit System auszumisten, kam mir durchaus sinnvoll vor. Ein System namens „Magic Cleaning“. Ausgedacht von der Japanerin Marie Kondo und in inzwischen drei Bestsellern verschriftlicht. Die Bücher, in denen sie konkrete Tipps und Anleitungen gibt, gehen weg wie warme Semmeln: In 27 Sprachen wurden ihre Werke inzwischen übersetzt. Darin liegt wohl die wahre Magie: Es ist ein Thema, das weltweit funktioniert.

Marie Kondo geht das Thema eigentlich ganz witzig, fast spielerisch an. Und doch folgt ihre Methode einer penibel durchdachten Strategie: Behalte nur, was Dir Freude macht. Besitze nur, was Du brauchst. Für alles andere heißt es: Tschüssi! Die Methode des „Decluttering“ (zu Deutsch: Entrümpeln) ist einfach und dennoch funktioniert sie. Man soll jedes Teil in die Hand nehmen, betrachten und dann fragen „Machst Du mir Freude?“. Dabei gibt sie eine strikte Reihenfolge vor: Zuerst Kleidung, danach Bücher, dann Papier-Unterlagen, diverser Schnickschnack und zuletzt persönliche Erinnerungsstücke.

Jetzt wird klar Schiff gemacht

Dass Bücher wie „Magic Cleaning 2: Wie Wohnung und Seele aufgeräumt bleiben“ solch einen Erfolg haben, sagt nicht nur etwas über unsere Ordnungsliebe aus, sondern auch über uns, die Leser. Es verrät auch, wie verloren wir uns oft fühlen, wie dringend wir Orientierung brauchen. Sicherlich nicht durch Zufall stellt Kondo in ihren Büchern eine direkte Verbindung her zwischen aufgeräumter Wohnung und aufgeräumter Seele.

Als ob ein Haufen nett adrett drapierter Waschlappen der Heilsbringer wären. Aber für Marie Kondo liegen Waschlappen und Seelenheil eng zusammen. Für sie ist ein ordentliches Zuhause der Schlüssel zum Glück.

Alle Unklarheiten beseitigt – äußerlich und innerlich

Ihr Erfolg spiegelt aber auch den allgemeinen Zeitgeist wider. Wohnen und Wohnlichkeit bekommen einen immer höheren Stellenwert. Möbel, Deko, Einrichtung – all das ist inzwischen fast schon zur Wissenschaft geworden. Da werden Kataloge gewälzt, Blogs abonniert, Messen besucht. Es gibt so viele Möglichkeiten, dass man ganz karusselig im Kopf wird. Kein Wunder, dass Anleitungen aller Art willkommen sind.

Doch es ist wohl mehr als nur die Suche nach dem perfekten Wohngefühl, das uns umtreibt. Die Welt wird immer komplexer. Hunderte von Informationen strömen tagtäglich auf uns ein. Wir sind hoffnungslos überstimuliert und sehnen uns nur noch nach einem: Ordnung. Und wo können wir die herstellen? Zuhause. Nur dort haben wir die Zügel in der Hand. Dort bestimmen wir, was gut ist und was nicht, zumindest theoretisch.

Und so verwundert es nicht, dass sich derzeit kaum etwas so gut vermarkten lässt wie Helfer in Buchform. Leider bleibt aber offenbar eins auf der Strecke: Der gute alte gesunde Menschenverstand. Warum braucht man heutzutage für alles einen Ratgeber? Sicher, ich will auch nicht im Chaos versinken. Aber komme ich da nicht von selbst drauf, dass es Zeit zum Ausmisten ist, wenn der Schrank überquillt? Eigentlich schon. Und ich spreche nicht von Menschen, bei denen Unordnung krankhafte Züge angenommen hat. Denen hilft auch kein Ratgeber à la Kondo.

Im Dialog mit der Socke

Wenn Frau Kondo bei der Widerherstellung von Ordnung Unterstützung bieten kann, dann bitte schön, meinethalben gern. Ballast abwerfen, loslassen, Dinge auf den Prüfstand stellen, das eigene Konsumverhalten hinterfragen – alles grundsätzlich nicht verkehrt. Aber mit jedem Gegenstand Zwiesprache halten? Da wird für meinen Geschmack eine rote Linie überschritten, Achtsamkeit hin oder her. Was es außerdem über meinen Geisteszustand aussagt, wenn ich auf Dinge in meinem Haushalt einrede, steht auf einem anderen Blatt. Oder in einem anderen Ratgeber.

Ich für meinen Teil stapfe für meinen inneren Frieden lieber durch die Wälder des Bergischen Landes. Zum Glück habe ich meine Wanderschuhe noch. Nicht auszudenken, wenn ich die „decluttered“ hätte.

Esther Hetzert

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Esther Hetzert ist bergisch durch und durch. In Solingen aufgewachsen hat es sie nach einem Schlenker über Köln nach Bergisch Gladbach verschlagen. Das journalistische Handwerk hat sie von der Pike auf gelernt. Nach dem Studium der Anglistik, Amerikanistik und Germanistik in Köln und Wuppertal volontierte sie beim Solinger Tageblatt. Seit 1997 arbeitet sie als Redakteurin. Inzwischen hat sie ihr eigenes Redaktionsbüro und unterstützt seit Oktober 2015 das Team der tas als Autorin.
Ihre Studienfächer lassen es schon erahnen: Esther hat einen ausgeprägten Hang zum englischsprachigen Raum. Besonders hat es ihr Großbritannien angetan, und dort vor allem die Royal Family. Zwar lebt sie im wahren Leben mit ihrer Familie in „Gläbbisch“. In ihren Träumen aber residiert sie längst in Windsor Castle.

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